Therapeutisches Klettern – ein Überblick
Klettern gehört zu den Elementarbewegung des Menschen. Therapeutisches Klettern (TK) ist eine Form der Bewegungstherapie, bei der Klettern im Rahmen einer präventiven oder rehabilitativen Maßnahme angewendet wird. Ziel ist es, mit den Ressourcen einer Person individuelle biologische, psychische und soziale Therapieziele zu erreichen und vorhandene Defizite positiv zu beeinflussen. Neben dem Klettern kommt auch Bouldern als Therapieform zum Einsatz.
Beim TK werden auf der motorischen Ebene u.a. Koordination, Kraft und Stabilität, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Orientierungsfähigkeit und Körperwahrnehmung trainiert. Gleichzeitig können Patient*innen auf der psychischen Ebene Fähigkeiten wie Konzentration, Selbstwirksamkeit, Motivation und Emotionsregulation stärken und es kommen soziale Aspekte wie das Vertrauen in und die Kommunikation mit der Therapeut*in oder Kletterpartner*in, aber auch die Möglichkeit zur Mitbestimmung zum Tragen. TK mit seinem ganzheitlichen Ansatz deckt also die drei Wirkungsebenen des biopsychosozialen Modells (motorisch, psychisch und sozial) und die vier Wirkorte des „Neuen Denkmodells“ in der Physiotherapie (Bewegungssystem, innere Organe, Bewegungsentwicklung/-kontrolle und Erleben/Verhalten) ab.
Die Ebenen können unterschiedlich stark angesprochen werden abhängig von der individuellen Zielsetzung und anderen Faktoren wie Krankheitsbild, äußere Rahmenbedingungen oder Tagesform. Ausgangspunkt ist jedoch immer die körperliche Aktivität.
TK bietet Behandlungsmöglichkeiten für ein breites Indikationsspektrum. Die Auswahl der Übungen richtet sich dabei weniger nach der Indikation als vielmehr nach den konkreten Problemfeldern der Patient*in. Die vier großen Anwendungsbereiche des TK sind Orthopädie und Traumatologie, Neurologie, Pädiatrie und Psychiatrie.
Quelle: C. Kern, 2025, Therapeutisches Klettern und Bouldern in der Physiotherapie und Ergotherapie
Therapeutisches Klettern bei MS on the Rocks

Multiple Sklerose (MS) wird auch die Krankheit mit den 1.000 Gesichtern genannt, da es je nach geschädigter Region im Hirn oder Rückenmark zu den unterschiedlichsten neurologischen Defiziten kommen kann. Häufig sind motorische und sensorische Störungen, aber auch Schädigungen am Sehnerv, Blasenstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und Fatigue zählen zu den weit verbreiteten Symptomen bei MS. Diese Beeinträchtigungen können auch dazu führen, dass sich Menschen mit MS mit dem Fortschreiten der Krankheit zunehmend aus dem sozialen Leben zurückziehen.
Insofern ist das TK mit seinem biopsychosozialen Mehrwert eine ideale Sportart für MS Betroffene.
Auf der körperlichen Ebene werden u.a. Kraft, Koordination, Rumpfstabilität und Gleichgewicht trainiert. All diese Fähigkeiten werden auch im Alltag benötigt, sind bei MS Betroffenen jedoch oft beeinträchtigt. TK kann dazu beitragen, dass MS Betroffene ihren Alltag besser und länger ohne fremde Hilfe bewältigen können. Ein prägnantes Beispiel für die Alltagsnähe des TK ist das Herunterholen einer Tasse aus einem Schrank. Diese Bewegung wird beim Klettern durch das Greifen zum nächsthöheren Griff geübt.
Bei MS on the Rocks wird ausschließlich im „Toprope“ geklettert. Dies ist die sicherste Art des Seilkletterns und bedeutet, dass der Kletternde jederzeit über eine Umlenkung gesichert ist. Die Sichernden verwenden halbautomatische Sicherungsgeräte. Damit kann der Sichernde den Kletternden je nach individuellem Leistungsvermögen unterstützen, indem er Gewicht abnimmt und so den Kletternden entlastet, ohne je das Bremsseil loslassen zu müssen. Es werden vier Sicherungsstufen unterschieden. In Stufe 1 ist das Seil straff, aber ohne spürbaren Zug für den Kletternden. Stufe 2 bedeutet mittleren Zug und entspricht dem Kommando „zumachen“, in Stufe 3 (fester Zug) setzt sich der Sichernde zusätzlich mit seinem Körpergewicht ins Seil. In Stufe 4 geht der Sichernde ggf. unter zu Hilfenahme einer Steigklemme mit dem Kletternden die Wand hoch und kann so zusätzlich taktile Unterstützung geben. Dies ermöglicht auch schwer betroffenen Personen, eine Route bis zu Ende zu klettern.
Neben den Sicherungsstufen werden bei MS on the Rocks auch von den Kletternden selbst Hilfsmittel zur Unterstützung eingesetzt. Beispielsweise kann eine am Oberschenkel befestigte Schlaufe dazu dienen, das Bein bei einer Hüftbeugerschwäche mit der Hand anzuheben, um so den Fuß auf einen höheren Tritt setzen zu können. So kann eine Route vielleicht mit Sicherungsstufe 3 statt 4 bewältigt werden, was für den Kletternden ein großes Erfolgserlebnis sein kann.
Eine wichtige Rolle beim TK spielt auch die Auswahl der Routen. Um für mobilitätseingeschränkte Menschen einen guten Einstieg in eine Kletterroute zu gewährleisten, sind z.B. tief angebrachte Tritte und Griffe unerlässlich. MS on the Rocks trainiert in der Kletterhalle des TUM Campus im Olympiapark. Hier ist inklusiver Routenbau fester Bestandteil des Routenkonzepts, so dass die äußeren Rahmenbedingungen für das TK sehr gut sind.
Komplettiert wird das TK bei MS on the Rocks durch ein gemeinsames Aufwärmen zu Beginn und einem Abwärmen am Ende der Trainingseinheit. Neben den körperlichen Effekten kommen hierbei – wie auch beim Austausch in den Kletterpausen – durch Übungen in der Gruppe, Partnerübungen, kleine Spiele, etc. zusätzlich auch die sozialen Aspekte des TK zum Tragen.